Zauberhaftes Aschenputtel – J. Vellguth

Achtung: Dies ist ein Härtetest, der nicht mit einer Rezension verwechselt werden darf. Für eine Rezension lese ich den ganzen Text, bevor ich ihn beurteile. Der SoS-Test entspricht im Prinzip dem, was der Lektor eines Verlages tut, dessen Hauptaufgabe das Aussortieren von Manuskripten ist.

Zauberhaftes Aschenputtel - J. Vellguth | Spannung ohne StolpersteineHeute sehen wir wie unglaublich wichtig Details sind, denn sie verorten die Leser in Zeit und Raum. Wenn auf die fehlende Verortung noch dazu eine Erklärung von Informationen durch die Autorin trifft, wird es eng für eine Geschichte, ganz gleich wie hübsch das Titelbild.

Der Anfang der Geschichte: Ein junges Mädchen, das sich benimmt wie ein Kleinkind, beschließt, den Prinzen heiraten zu wollen, weil sie den König gesehen hat. Dann geht sie in den Wald, wo sie einen jungen Jägersmann trifft uns später eine verwundete Taube findet.

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Stolperstein #1: Autorenkommentar

Ute nuschelte vor sich hin, über die schwindenden Gelder und den fehlenden Stammbaum eben der Hausherrin selbst. Wäre das der gnädigen Frau zu Ohren gekommen, hätte Ute wahrscheinlich um ihre Anstellung fürchten müssen. Aber sie hatte Glück, denn die Herrin des Hauses wurde von ihrer Tochter abgelenkt, die mit jubelndem Herzen und einem Lachen in den Hof hinauslief.

Analyse: Mal ganz abgesehen davon, dass ein Herz gar nicht jubeln kann, jedenfalls nicht so, dass die abgelenkte Mutter es hören könnte, spricht an dieser Stelle ganz eindeutig die Autorin und liefert Informationen, die sie für wichtig erachtet. Das hat mich irritiert. Als dann noch dazukam, dass das Mädchen (Anna) direkt vom Musikzimmer in den Hof stürmt, war ich ganz raus und musste erst einmal meine Vorstellung des Raums ändern. Von mir aus wäre ich nicht davon ausgegangen, dass das Studierzimmer einen direkten Zugang zum Hof hat.

Stolperstein #2: Wieder ein Problem mit der Verortung

Mit langen Schritten rannte sie in den Wald hinein, ohne auch nur zu ahnen, was dort auf sie wartete.

Analyse: Diese Textstelle kam nur einen Absatz später, gleich nachdem Anna aus dem Studierzimmer in den Hof gelaufen war. Von dort stürmt sie direkt in den Wald, so wie ich das verstanden habe, der offensichtlich bis dicht an den Hof reicht.

Natürlich ist das möglich, doch aufgrund des Kleides auf dem Titelbild nahm ich an, Anna würde auf einem großen Gutshof leben, wie es Adelige im 17. oder 18. Jahrhundert eben taten. Und an solche Höfe reichte ein Wald nicht mehr heran. Das Mädchen hätte an zahlreichen Stallungen, Außenhäusern, Feldern und Wiesen vorbeilaufen müssen.

Wäre dieser kleine Stolperer nicht so dicht hinter dem Ersten erfolgt, hätte ich ihn vermutlich ignoriert. Doch die Häufung hat mich endgültig aus dem Text gerissen.

Stolperstein #3: Und nochmal Verortung, diesmal in der Zeit.

Das ist Ketzerei. Nicht, dass sie (die Nachbarn, Anm.) uns noch die Inquisition auf den Hals hetzen.

Analyse: Und wieder wurde meine Annahme der Situation gestört. Das Kleid auf dem Titelbild hatte mich annehmen lassen, die Geschichte würde im 17. oder 18. Jahrhundert spielen. Doch das Wort Inquisition verbinde ich mit dem Mittelalter (13. bis 15. Jahrhundert). Wieder musste ich meine Annahmen anpassen, was mich aus dem Lesefluss riss.

Als ich dann einige Absätze später erneut über ein Verortungsprobem stolperte (Anna ist im Musikzimmer, als die Haustür aufkracht und gegen die Wand prallt. Führt die Haustür direkt in das Musikzimmer?), legte ich das Buch endgültig zur Seite, obwohl es ansonsten einigermaßen spannend geschrieben war.

Kudo #1: dreidimensionale Charaktere und wunderschönes Titelbild

Analyse: Das Titelbild gefällt mir ausgesprochen gut. Bei Indie-Büchern ist das nicht selbstverständlich. Ich finde auch die Charaktere der Geschichte recht gut getroffen. Mit wenigen Worten zeichnet die Autorin eine ehrgeizige Mutter, ein Wirbelwind-Mädchen und eine leidgeprüfte Dienerin. Nur der Prinz bleibt anfangs etwas blass.

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