Milten & Percy, das Schloss der Skelette – Florian C. Booktian

Achtung: Dies ist ein Härtetest, der nicht mit einer Rezension verwechselt werden darf. Für eine Rezension lese ich den ganzen Text, bevor ich ihn beurteile. Der SoS-Test entspricht im Prinzip dem, was der Lektor eines Verlages tut, dessen Hauptaufgabe das Aussortieren von Manuskripten ist.

Milten & Percy I - Florian Booktian | Spannung ohne StolpersteineHeute sehen wir dass ein Prolog immer ein Prolog ist, auch wenn man ihn Kapitel nennt; und die wenigsten Prologe sind gut (Außerdem ist die Erzählstimme ziemlich distanziert, was aber reine Geschmacksache ist und von mir nicht weiter beanstandet wurde. Ich denke nur, dass man das als Leser wissen sollte).

Der Anfang der Geschichte: Zwei Forscher besuchen eine geheimnisvolle Höhle in Gnaa, einem an eine halbe Erde angebauten Planeten der skurrilen Wesen (was übrigens nach Adam Riese einen 1 1/2 fachen Planeten ergibt). Dort wecken sie etwas Ungeheuerliches und sterben (glaube ich zumindest). Dann geht Percy, ein sprechendes Erdmännchen und Gnaa-Erde Kontaktpolizist, einkaufen, was aber keine gute Idee ist, wie sich schnell herausstellt.

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Stolperstein #1: ein Prolog ist ein Prolog, auch wenn er anders heißt

Analyse: Das erste Kapitel (betitelt 0 ) ist eine Erklärung, wie die Welt funktioniert bzw entstanden ist. Die Idee ist wirklich lustig und hier und da lugt der Humor durch, den man im Buch immer wieder entdecken kann. Leider enthält dieses „Kapitel“ keine Figur, mit der sich der/die LeserIn identifizieren könnte, so dass ich doch eine recht große Distanz zum Text spürte. Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass meine Gedanken wanderten und nach der Stelle suchten, wo die Geschichte endlich losging. Diese (wirklich ungewöhnlichen und zum Teil lustigen) Hintergrundinformationen hätten mit etwas Überlegung auch gut im Haupttext untergebracht werden können.

Ich empfehle immer, einen Prolog (oder ein Kapitel Null) mehrfach zu durchdenken. Braucht man ihn wirklich? Die Antwort ist in den allerseltensten Fällen positiv.

Stolperstein #2: Verortung

Analyse: In der ersten Szene des ersten richtigen Kapitels begeben sich zwei Forscher in einen Wald. Dort finden sie einen Torbogen aus Stein. Über ihnen rauschen Bäume. Ja und dann sind sie plötzlich in einer Höhle. Da habe ich mich natürlich gefragt, wo die so plötzlich herkam. Soweit ich die Beschreibung verstanden hatte, parkten die beiden Forscher ihr Auto in dem Wald, stiegen aus und gingen durch den Torbogen, der da rumstand. Es war keine Rede davon, dass der Torbogen in einen Berg führte oder dass überhaupt ein Berg in der Nähe war. Auch kann der Torbogen nicht in den Boden hineingeführt haben, da man für einen solchen Durchgang wohl eher eine Falltür gewählt hätte als einen Torbogen. Ich habe dann noch einmal zurück geblättert, um zu prüfen, ob ich etwas übersehen hätte, aber Pustekuchen. Also war das ein ganz regulärer Stolperstein (Anmerkung am Rande, Tierknochen liegen in der Regel AUF dem Boden, nicht darin, und wenn sie doch darin liegen (z.B. durch die lange Zeit, die vergangen ist), bedarf das einer kurzen Erklärung).

Stolperstein #3: Pacing (keine Ahnung, wie ich dieses Wort übersetzen soll – das Lexikon sagt „Tempo der Durchführung“)

Analyse: Die beiden Forscher wandern ein Stück in die Höhle, und schon sind sie mehrere Kilometer tief unter der Erde. Das hat mich irritiert. Die Zeitspanne, die die beiden brauchten, um so tief zu gelangen, schien mir nicht ausreichend. Mal ganz ehrlich. Für die 3 km in unser Nachbardorf brauche ich schon fast eine Stunde. Und das ist überwiegend ebenerdig. Mit Gefälle und z.T. Anstiegen in der Dunkelheit unter Tage rechne ich mit einer sehr viel längeren Gehzeit. Schließlich gibt es dort hinunter keine breit ausgebaute Straße.

Dazu kommt, dass die beiden Forscher in eine Grabstätte eindringen, die wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit eigentlich sehr schwer zugänglich sein sollte. Sonst könnte ja jeder kommen und sich den fiesen, dort begrabenen Massenmörder angucken. Aber die beiden müssen nicht einmal irgendwelche gefährlichen Fallen überwinden (was ein Klischee wäre, aber immer noch sinnvoller als ein zügiger Marsch durch die Unterwelt).

Ich weiß, dass das ein schwieriges Problem ist. Manchmal muss ein Autor sehr viele Handlungen darstellen, die eigentlich alle auf einmal passieren. Ein anderes Mal muss er lange Zeitspannen, die verstreichen, so zusammenfassen, dass sie spannend bleiben. Das richtige Pacing ist ein schmaler Grat. Aber da es mich hier wieder aus dem Text geworfen hatte, und ich mich beim Grübeln entdeckt habe (unter anderem habe ich mich gefragt, wie tief solche Gänge in unserer Erde überhaupt führen könnten; wen’s interessiert: ca. 40 km), gab es den dritten Stolperstein.

Kudo #1: nette Grundidee mit liebenswerten Details und viel Humor.

Analyse: Die Idee, zwei grundsätzlich verschiedene Planeten miteinander zu verschmelzen, ist wirklich ungewöhnlich und im Prinzip nett umgesetzt. Mich persönlich hat der etwas distanzierte Erzählstil nicht ganz gepackt, wodurch mir Probleme wahrscheinlich noch deutlicher aufgefallen sind, aber der Humor hat Spaß gemacht. Auch sind viele, wirklich nette Details eingebaut über die ich mich immer wieder gefreut habe. Man kann schon auf den ersten Seiten erkennen, das der Autor viel Fantasie hat. Man merkt aber auch sofort, dass dieses das erste Werk des Autors ist. Besonders im Bereich „Show, don’t Tell“ (von Amis immer sehr gerne zitiert) ist noch Raum nach oben.

Letzte Anmerkung: Ich hatte bei dem Text das Gefühl, er sei für Erwachsene geschrieben worden; insbesondere als Percy auftaucht. Es werden auch keine Themen angesprochen, die für Kinder passend wären. Das Titelbild aber, so wunderbar es auch gemacht ist, weckt in mir die Assoziation: Kinderbuch.

2 Comments

  1. Bei Prologen bekomme ich regelmäßig Ausschlag. Nein, nicht ganz so schlimm, aber meistens sind sie nicht wirklich notwendig. Ich gebe dir also recht: Man sollte sich als Autor_in drei Mal (mindestens) überlegen, ob man den Prolog benötigt.

    1. Ich kenne eigentlich nur ein einziges Buch, wo das mit dem Prolog gelungen ist: „Good Omens oder die wahren und zutreffenden Prophezeihungen der Hexe Agnes Spinner“ von Terry Pratchet und Neil Gaiman. Der Prolog ist kurz, extrem witzig, und bildet gleichzeitig einen Rahmen für das Buch, der fürs Verständnis unumgänglich ist.

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