Ein Froschkönig zum Dessert – Patricia Jankowski

Achtung: Dies ist ein Härtetest, der nicht mit einer Rezension verwechselt werden darf. Für eine Rezension lese ich den ganzen Text, bevor ich ihn beurteile. Der SoS-Test entspricht im Prinzip dem, was der Lektor eines Verlages tut, dessen Hauptaufgabe das Aussortieren von Manuskripten ist.

Ein Froschkönig zum Dessert - Patricia Jankowski | Spannung ohne StolpersteineHeute sehen wir, dass wenige, kleine Stolpersteine einem Text ebenso schaden können, wie ein großer. Und dass, obwohl der Rest der Geschichte durchaus spannend geschrieben ist. Ich habe mich richtig geärgert, als ich auf den dritten Stolperstin getroffen bin, denn ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Der Anfang der Geschichte: Magdalena, übergewichtig, mit schwachem Selbstbewußtsein, und ihre atemberaubend schöne beste Freundin Christiane, lernen durch einen Verkehrsunfall den reichen Verlagserben Nathan kennen. Beide finden ihn auf Anhieb attraktiv. Für Magdalena ist es der Schock ihres Lebens, als der gutaussehende junge Mann sich für sie interessiert, mit ihr ausgeht und ihr Avancen macht. Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein?

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Stolperstein #1: gefühlte Zeit vs. tatsächlich verstrichene Zeit

Ein heftiger Stoß von der Seite ließ meinen Satz unbeendet. Vor Schreck stützte ich mich refexartig mit einer Hand am Armaturenbrett ab, was einen scharfen Schmerz durch mein Handgelenk schickte. Im nächsten Augenblick hörte ich das schrille Kreischen von Metall auf Metall, es gab einen weiteren Ruck, dann stand der Wagen still.

Analyse: Ein Autounfall passiert im Bruchteil einer Sekunde, und es passiert so viel, was man als AutorIn darstellen will. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, die tatsächlich verstreichende Zeitspanne so zu dehnen, dass alles erzählt werden kann, ohne dass der Leser über den Zeitunterschied stolpert. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten.

Bei der ersten wird jedes Detail so überzogen, wie es in einer Zeitlupenaufnahme passiert. Dadurch kann man als AutorIn das Bewußtsein der Leser auf ganz spezielle Details lenken, die sonst untergehen würden (obiges Beispiel angepasst: Ein heftiger Stoß von der Seite ließ meinen Satz unbeendet. Wie durch einen Schleier sah ich meine Hand refexartig auf das Armaturenbrett prallen. Wollte ich mich abstützen? Schon möglich. Schmerz zog sich von meinem Handballen über das stark belastete Handgelenk – ich war eben kein Fliegengewicht, und der abrupte Geschwindigkeitswechsel entfaltete ungeheure Kräfte – den ganzen Arm hinauf. Erst das schrille Kreischen von Metall auf Metall brachte mein erstarrtes Gehirn zu der Erkenntnis, dass wir mit einem anderen Wagen zusammengeprallt waren. Ein zweiter Ruck riss mich aus meiner Erstarrung. Ich war froh, dass die Wagen jetzt standen).

Bei der zweiten werden die Sätze so verkürzt, die Emotionen und Beschreibungen so verdichtet, dass nur eine Momentaufnahme übrig bleibt (obiges Beispiel angepasst: Ein heftiger Stoß von der Seite. Der Satz war vergessen. Meine Hand flog nach vorn. Aufprall auf dem Armaturenbrett. Schmerz! Oh weh, mein Handgelenk. Und dieses Kreischen! Metall auf Metall – es ging mir durch und durch. Noch ein Ruck, dann Stille. Der Wagen stand.).

Bei dem oben gezeigten Ausschnitt ist keine der beiden Methoden konsequent benutzt worden, so dass ich als Leserin das Gefühl hatte, der Unfall dauere zu lange.

Stolperstein #2: brauchen

Meiner Meinung nach brauchten wir nicht auf den Abschleppwagen warten.

Analyse: Ich gebe offen zu, dass dies einer meiner persönlichen Hassfehler ist. Umgangssprachlich (und vielleicht sogar nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung, ich weiß es nicht), muss bei diesem brauchen kein zu eingefügt werden, aber mein Gehirn verlangt danach. Immer wieder stolpere – und (was schlimmer ist) ärgere – ich mich über dieses vergessene „zu“. Denn wer brauchen braucht, ohne zu zu gebrauchen, braucht brauchen gar nicht erst zu gebrauchen. So habe ich es gelernt, so will ich es lesen!

Stolperstein #3: feststehende Phrasen

… kannte ich nicht einmal vom Namen nach.

Analyse: Es muss entweder „vom Namen her“ oder „dem Namen nach“ heißen. Die meisten Menschen spüren, dass ihnen eine wohlbekannte Phrase falsch vorkommt, wenn etwas daran nicht stimmt, obwohl die meisten nicht sagen können warum. Obige Phrase ist so ein Bespiel. Ich habe länger darüber nachdenken müssen, bis mir klar wurde, was nicht stimmte.

Kudo #1: sympatische Hauptfigur

Analyse: Die übergewichtige Hauptfigur war mir auf Anhieb sympatisch. Kämpfen wir nicht alle mit ein paar Pfunden zu viel? Und glauben nicht selbst die hübschesten Frauen (wenigstens von Zeit zu Zeit), sie seien nicht begehrenswert? Daher konnte ich die Gefühlswelt der Hauptfigur (Magdalena) wunderbar nachvollziehen. Ich werde dieses Buch auf alle Fälle zu Ende lesen.

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